Iberg DLL Freerace 2014

Kurve 7, die Zuschauerkurve. Der Vater legt die Hand auf die Schulter seines Sohns, deutet auf den Heat, der auf die Links-Haarnadelkurve zugerast kommt und zeigt auf die Patches an den Schultern. „Guck mal, sogar aus England kommen sie hierher. Der sogar aus Südafrika!“ Verstohlen weist der Sohn auf den Fahrer weniger Meter von ihm entfernt, der das Rennen mit kritischem Blick bei kalter Hopfenschale analysiert. „Sogar aus China kommen sie!“, flüstert er aufgeregt und verschluckt sich fast an seiner Cola.

Während die Fahrer nicht wirklich bis aus China den Weg in den Landkreis Eichsfeld in Thüringen auf sich genommen haben, gingen doch auffällig viele Gäste aus dem Ausland an den Start. Von Engländern, Dänen und Schweden bis hin zu besagtem Südafrikaner konnte das Orga-Team vom Team ESC auf großen internationalen Zuspruch zurückblicken. Offensichtlich hatte es sich bis über die Grenzen der Republik herumgesprochen, dass dort ein junges, engagiertes Team mit dem Background eines der größten Sportvereine in der Region mit dem Iberg Freerace 2013 (s. Artikel) ein (nicht nur für ein Erst-Event) überraschend gut organisiertes Rennen auf einer ansprechenden Strecke auf die Beine gestellt hatte. Eine eigene Anmeldung mit exklusiven Startplätzen für internationale Fahrer und die Erweiterung des Fahrerfelds auf 140 Fahrertat ihr Übriges.

Die Strecke liegt in einem malerischen Laubwald und war bis 2013 hauptsächlich als Austragungsort des legendären Ibergrennens, einem Touren-und Sportwagen-Rennen, bekannt. Während die motorisierten Rennfahrer den Iberg bergauf fahren, nutzen die Skater die 8 bis12 Prozent Gefälle, um mit bis zu 85 km/h die zwei Kilometer nach Heilbad Heiligenstadt zurückzulegen.

Über Sahneasphalt geht es direkt nach dem Start in eine Linkskurve, in die man im Racemodus fast noch pushend einlenkt. Während das Tempo langsam anzieht, sucht man seine Ideallinie in einer Rechts-Links- Kombination, um dann zur ersten Schwierigkeit der Strecke zu gelangen: Eine Haarnadel-Rechtskurve. Danach gibt einem eine lange Gerade mit kleinen Sweepern ordentlich Schwung für das Nadelöhr und die entscheidenden Stelle. Die folgende Haarnadel- Linkskurve verlangt nicht nur aufgrund ihres Radius die volle Aufmerksamkeit des Fahrers, sondern birgt auch eine besondere Schikane. Das Relief eines unter der Fahrbahn verlaufenden Amphibientunnels durchbricht auf der gesamten Fahrbahnbreite den ansonsten perfekten Belag und schüttelt den Fahrer auf einer Bodenwelle mit Schlaglöchern ordentlich durch. Anschließend geht es in einem lang gezogenen Rechtssweeper Richtung Ziel. Hier muss man noch mal die Konzentration zusammen nehmen, um nun die Tuck mit angeschlagenen Beinen zitterfrei über die Ziellinie zu bringen, während hier die höchsten Geschwindigkeiten erreicht werden. Der steilste Abschnitt liegt ironischerweise in der Bremszone. Von qualmenden Sohlen bis hin zu Double-Pendies wird einiges gezeigt, um nicht mit dem Brett die Bierbänke zu spalten, die als Streckenbegrenzung auf die Fahrbahn gestellt wurden.

Der Freitag als Anreisetag gestaltete sich wie  bei allen Freerides und Rennen: Über den gesamten Abend verteilt kamen Autos aus aller Herren Länder an und suchten sich einen Stellplatz auf einer großen Wiese, die etwa einen Kilometer von der Strecke entfernt lag. Während im Camp die ersten Biere mit lange nicht gesehenen Downhill-Weggefährten geleert wurden, installierte die Dresdner Longboardgemeinschaft im Eingang der S-Kombination eine hölzerne Steilkurve und eine Doppelwelle, die noch vom abgesagten Eierschecke-Boardercross über waren. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass man die Hindernisse bei den erreichten Geschwindigkeiten unmöglich bewältigen konnte. Gerade die Steilkurve machte eher vor allem als Kicker in den Wald eine gute Figur. So stießen auch die Dresdner bald zur Party dazu. Die Jungs vom Team ESC hatten dafür dieses Jahr ein Partyzelt mit Schankwagen aufgestellt, wodurch die Party zwar kleiner als das letztjährige Techno-Dorfest war, man aber unter sich blieb. Nicht nur die üblichen Verdächtigen ließen bis in die frühen Morgenstunden die Erde mit ordentlich Bass beben.

Freeride und Qualifikation

Nach dem Rider‘s Meeting am Forsthaus Kellner, das auch für die Bewirtung des Events zuständig war, ging es am nächsten Morgen für über hundert Skater mit dem Reisebus zur Strecke. Viele kannten diese schon vom Vorjahr und stürzten sich ohne Zögern die Straße hinunter. Diejenigen, die die Strecke noch nicht kannten, erkannte man daran, dass sie beim Überfahren des Amphibientunnels erschraken und Bekanntschaft mit den großzügig aufgestellten Big Bags machten. Nach den ersten Abfahrten hatten sich alle auf die Strecke eingestellt und tasteten sich an ihre Grenzen heran.

Am Nachmittag begannen die Qualifikationsläufe. Hier zeigte sich die gesamte Rennerfahrung von DLL-Chef Michael „Eimer“ Mayer, der sich schon zu Zeiten der IGSA seine Sporen verdient hatte und mit Dominic Rico Gomez einen kompetenten Rennleiter an der Seite hatte. Selten haben wir so eine so gute Organisation auf einem Rennen erleben dürfen. Mithilfe von Sebastian Hertler am Megaphon stellte sich Heat um Heat brav hintereinander auf, streifte sich die farbigen Leibchen über und wartete auf das Zeichen zum Lospushen. So wurde die Qualifikation zügig und reibungslos durchgezogen. „Reibungspunkte“ gab es indes am Anfang der Strecke. Da unmittelbar nach dem Start eine Linkskurve folgte, versuchten die Starter häufig so schnell wie möglich auf die Innenbahn zu kommen. Stürze durch Tritte in fremde Rollen oder Verpusher waren vorprogrammiert. Möglicherweise hätte das Zurücksetzen der Startlinie um einige Meter geholfen das Feld etwas auseinanderzuziehen und so ärgerliche Zusammenstöße zu vermeiden. Auch die Freerider kamen während der Qualifikation nicht zu kurz. Im bewährten Freerace-Format mussten die Freerider zwar warten bis die Racer auf der Strecke waren, die Wartezeit blieb aufgrund der guten Organisation aber erfreulich kurz.

Am späten Nachmittag waren die Qualifikationsläufe beendet und es wurden nur noch Freerides gefahren. Bei immer tiefer stehender Sonne bot sich den Fahrern eine Kulisse wie aus dem Bilderbuch: Das Sonnenlicht brach sich zwischen Baumkronen und Stämmen und warf Schatten und Lichtstrahlen auf die Szenerie. Inmitten dieses epischen Settings war es kein Wunder, dass kein Fahrer einen Run verpassen wollte und teilweise bis zu drei Runs pro Stunde gefahren wurden.Mit Begeisterung, aber auch leichter Besorgnis, beobachteten die Organisatoren die Fahrer, die immer schneller fuhren und immer weniger bremsten. In wildem Übermut gebildete Riesenpacks wurden schon mal am Start separiert und immer wieder musste auf die Bremszone im Ziel hingewiesen werden. Leider halfen jegliche Vorkehrungen der Organisatoren nicht: Trotz Rider’s‘ Meeting und vorherigem Hinweis auf die Startreihenfolge startete eine Standup-Slide-Ballerina inmitten des Feldes. Nicht verwunderlich also, dass sich schnellere Fahrer ihren Weg an dem wild slidenden Fahrer vorbei suchen mussten. Die Ziellinie schon im Blick kam es dann zum Crash: Mit Höchstgeschwindigkeit raste ein Train der Eifel-Crew auf die Ziellinie zu, als der Freerider sich erneut zu einem unangekündigten Standup-Slide hinreißen ließ.  Mit wilden Klatschen der Slidepucks krachte Andreas Erdbrink beim verzweifelten Versuch auszuweichen in die Leitplanke. Der GOG-Teamfahrer, heißer Favorit aufs Podium und Kopf hinter den ISIS-Trucks, hatte buchstäblich den Cong gezogen: Nicht nur stürzte sich der Unfallverursacher inmitten von schnellen Freeridern auf die Strecke und gefährdete sie durch nicht angezeigte Slides quer über die Fahrbahn, es stellte sich auch heraus, dass er dabei laut Musik über seine Kopfhörer hörte, sodass er von seiner Umgebung nichts mitbekam. Für Andreas war die Saison  nach diesem Sturz gelaufen.

Dass man auf einem Event auch noch an den gesunden Menschenverstand appellieren muss, damit die Fahrer keine Gefahr füreinander darstellen, erscheint uns ungeheuerlich und empfehlen neben dem Einschalten des Kopfes die Lektüre unseres Beitrags zur Race-Etikette. (s. Artikel). Leider blieb dies nicht der einzige Unfall des Events, aber mit Abstand der unnötigste.

Nach dem Unfall wurden die Runs für den Tag eingestellt. Zu groß war die Angst, dass sich aufgrund der allgemeinen Euphorie und des grassierenden Übermuts  noch mehr Unfälle ereignen würden. Daher wurden die Fahrer wieder zum Camp geshuttlet, wo man den Tag bei kühlem Bier Revue passieren ließ. Während sich ein Teil der Fahrer ihr vorbestelltes Essen beim Forsthaus schmecken ließen und dabei mehr oder weniger freiwillig das Deutschland-Ghana-Spiel der Fußball-WM miterlebten, wurden überall im Camp die Campingkocher angeschmissen, um eine vernünftige Grundlage für die Party zu schaffen. Zu fast schon legendärem Ruhm schaffte es hier das Downhill-Gulasch der Viernheimer, die einen riesigen Kessel über Stunden auf offenem Feuer schmoren ließen. Einige Nachtschwärmer waren nach durchzechter Nacht unendlich dankbar für eine deftige Mahlzeit und ganz sicher ist man sich nicht, wer eigentlich die Reste aus dem Topf gekratzt hat.

DJ Vossy und die Jungs von der Schotterflechte-Vereinigung heizten bei ihrer Todessause selbst den müdesten Gliedern ein und brachten auch das steifste Brett zum Zappeln. Die Nacht war für viele Fahrer kurz und entsprechend fahl waren die Gesichter am nächsten Tag. Darüber hinaus hatte es am Morgen angefangen zu regnen und viele Fahrer zogen es vor in der Haarnadel- Linkskurve abzuwarten, bis die Strecke trockener würde. Dort hatten die Bewohner von Heilbad Heiligenstadt einen Schankwagen und Grill aufgestellt, um die Gäste zu versorgen. Auf der nassen Strecke konnte man von hier aus die Freerider beobachten, die versuchten trotz Nässe, Kurve und Amphibientunnel auf dem Board zu bleiben. Das Ergebnis waren meist slapstickreife Crashs, die aber zum Glück alle glimpflich ausgingen.

Junioren

Keine Wahl hatten hingegen die Junioren, deren Auscheidungsläufe trotz nasser Strecke ausgefahren wurden. Das Finale erreichten Fabian Krebs, Tim Gassert, Pan Diemer und Philipp Schickor, die gleichzeitig die deutsche Meisterschaft der Junioren ausfuhren. Hier sollte es zu einem interessanten Kräftemessen zwischen Philipps footbrakeversierten Fahrstil und dem slideorientierten Ansatz der Konkurrenz kommen. Lange blieben die vier Kontrahenten dicht beisammen und wechselten sich an der Spitze ab. Bald jedoch zeigten Philipps Präzisionsfootbrakes und seine souveräne Technik Wirkung und er setzte sich vor der Haarnadel- Linkskurve an die Spitze. Das sollte bei dieser Strecke aber noch nichts heißen, da man oft sehen konnte, wie sich Fahrer im Windschatten des Führenden zu halten, um auf der Schlussgeraden vorbei zu ziehen. In kompakter Tuck und mit seiner ganzen Physis konnte sich Philipp dennoch im Draft-Train durchsetzen. Darauf folgten dicht beieinander Tim Gassert, Pan Diemer und Fabian Krebs.

Dieses Finale zeigte, wie hoch das Niveau der Junioren mittlerweile ist und der Open Class kaum nachsteht. Tim, Philipp und Pan landeten in der Open Class unter den Top 16.

Buttboard

Zu den Buttboard-und Streetluge-Finals füllten sich die Ränge in der letzten Kurve mit weiteren Freeridern und Einwohner aus Heilbad Heiligenstadt, die dieses  nicht verpassen wollten.  Die Stimmung war gut , jedem Heat wurde zugejohlt und jeder Sturz mit einem Aufschrei quittiert. Noch ausgelassener wurde die Stimmung dadurch, dass einige Standup-Fahrer sich dazu entschlossen hatten bei den Buttboardern mitzufahren. Nach einem sogenannten Grand-Prix-Start, bei dem sich die Fahrer ihr Brett erst an einem bestimmten Punkt des Starts abholen müssen, kam es zu einigen engen Situationen auf der Strecke. Einige Buttboarder landeten dabei überraschend hinterFahrern, die normalerweise in der Standup-Disziplin mitmischen .  Mit Eugen Forschner, Gunnar Kalb, Martin Witzigmann und Kai Peterschick konnten sich letztendlich aber doch versierte Buttboarder durchsetzen.

Streetluge

Bei der Königsdisziplin des Liegendfahrens, dem Streetluge, durften keine Standup-Fahrer teilnehmen, zu groß ist der Unterschied zu den hochgerüsteten Straßenschlitten, die mit Aero-Verkleidung die Straße hinunterrasen und mit Abstand die schnellsten Teilnehmer eines Downhill-Events stellen. Der aus dem Allgäu angereiste Martin „Wuchti“ Witzigmann konnte hier den Sieg vor Eugen Forschner, Kai Peterschick und Gunnar Kalb erringen.
Die letzten ausgeschiedenen Fahrer komplettierten nun die Zuschauerkurve und wurden gebührend gefeiert , als sie aus dem Bus stiegen Alle warteten gespannt auf die Finalläufe der Deutschen Damenmeisterschaft und der Open Class.

Damen

Im Damenfinale ging ein internationales Feld an den Start. Neben den Deutschen Myri Weissschuh und Ann-Kristin Maier wollten auch die Niederländerin Jasmijn Janegraef und Kristina Engstrand aus Schweden ganz nach oben aufs Podium. Kristina, die schon das ganze Wochenende eine konstante Form gezeigt hatte, machte schnell klar, dass sich die restlichen Fahrerinnen mit den Plätzen 2 bis 4 begnügen müssen.. Mit einigem Abstand überquerte Jasmijn als Zweite die Ziellinie.  Ann-Kristin Maier holte mit dem dritten Platz gleichzeitg den Titel der Deutschen Meisterin, gefolgt von Myri Weissschuh auf dem vierten Platz.

Open Class

Das Finale der Open Class war an Spannung kaum zu überbieten. Zwar hatte der amtierende Deutsche Meister Sebastian Hertler alle Heats nach Belieben dominiert, doch hatte er im Finale mit Jürgen Gritzner, Stefan Kolpatzik und Alex Dehmel starke Konkurrenz, die jeden Zentimeter Raumgewinn verteidigen würde. Wie umkämpft das Finale war, konnte man daran erkennen, dass Sebastian kurz vor der Haarnadel- Linkskurve zur Überraschung aller Beteiligten die Fußbremse statt des üblichen Speedchecks auspackte, um auf Nummer sicher zu gehen. Es war die richtige Entscheidung: Nach der Linkskurve distanzierte er seine Verfolger  derart, dass sie nicht mehr in seinen Windschatten kamen. Nach einem Sturz von Jürgen Gritzner klebte Alex Dehmel nur Zentimeter hinter Stefan Kolpatzik, verpasste aber den richtigen Moment, um aus seinem Windschatten heraus zu überholen. Wie so oft in diesem Jahr stand Sebastian Hertler damit oben auf Podium, gefolgt von Stefan Kolpatzik, Alex Dehmel und Jürgen Gritzner. Sebastian Hertler ist damit alter und neuer mitteldeutscher Meister in der Open Class.

Nach dem Finale entwickelte sich eine kleine Wallfahrt von der Zuschauerkurve zur Siegerehrung im Ziel. Keiner wollte verpassen, der Schotterflechte-Aktivist Vossy mit seiner Ansprache der Siegerehrung wie im vorigen Jahr seinen unvergleichlichen Stempel aufgedrückthatte. Er enttäuschte niemanden: Mit Leisefuchs und verschwitzten Umarmungen brannte der Mann mit den schönsten Einhorn-Leggings weit und breit ein Gag-Feuerwerk nach dem anderen ab.  Wer Vossy noch nie gesehen hat, es lohnt sich allein schon seinetwegen auf ein Event zu fahren.

Nach dem Staufen-Downhill war das Iberg-Freerace das zweite Event im DLL-Kalender und ist trotz der erst zweimaligen Durchführung auf dem besten Weg eine feste Instanz im Freeridekalender zu werden. Technisch einfach zu meistern, dafür verhältnismäßig schnell, ist die Strecke sowohl für Downhill-Amateure als auch Abfahrtsspezialisten gleichermaßen geeignet. Wir ziehen unseren Hut vor Gregor, Dennis, den Schotterflechte-Jungs und Team ESC: Wir haben selten so ein gut organisiertes Event mit so entspannten Veranstaltern gesehen wie am Iberg. Gut, der ein oder andere hätte wahrscheinlich seinen Gefallen an einer Dusche gefunden und dafür, dass der Toilettenwagen im Camp schon am ersten Tagen seinen Geist aufgegeben hat, kann auch niemand was. Das ist aber alles zu vernachlässigen für zweieinhalb Tage Spaß mit der Downhill-Familie auf einer feinen Strecke.

In diesem Sinne: Lest das Langbrettmagazin. Lest die Race-Etikette. Und nehmt verdammt noch mal die Kopfhörer aus den Ohren, es sei denn es ist die Verbindung zur Funke eines Safety Cars. Skate fast, skate safe.

Text  

Thomas Giang | tg@lbmagaz.in

Fotos  

Schotterfleche | www.schotterflechte.com
Jürgen Lüsgen | JL Photo
CK Photography | Facebook

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