Camino Libre - Teil 1

Eine Kolumne von Isabel Gür

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4

Den rechten Fuß fest auf dem Brett, mit dem linken gleichmäßig pushend rollen wir den Malecón, die berühmte Uferstraße Havannas, entlang. Links von uns der tosende Atlantik, der Kuba wie eine Beleidigung in seinem unendlichen Fluss versucht mit aller Kraft wegzuspülen.

Rechts eine vierspurige Straße. Autos, doppelt so alt wie wir, fahren röhrend und rußend an uns vorbei. Der breite Gehweg des Malecóns besteht aus Betonplatten, Kieselsteinen und Schlaglöchern aller Formen und Größen. Der Wind kühlt die verschwitzte Stirn unterm Helm, die Augen konzentrieren sich auf die wilde Mischung unseres Weges, das Gesicht ziert ein fettes Grinsen. Rechts abgebogen rollen wir durch die schmutzigen Gassen Havannas Altstadt. Die Sonne im Genick, das Lachen so breit wie der Malecón... alte Kubaner sitzen mit der Havanna zwischen den Zähnen vor ihren runtergerockten Kolonialhäusern. Kinder spielen auf der Straße. Barfuß, nur mit Shorts bekleidet. Ihre Jubelrufe mischen sich mit der Musik Benni Morrés, die uns aus den Häusern entgegenschallt. Unter die Musik mischt sich ein Klingeln. Verwirrt schaue ich mich um. Das Klingeln wir immer lauter und störender. Verschreckt wache ich auf. Montag morgen, 7:30.

Der Oktobermorgen blickt mir grau, regnerisch und skaterfeindlich entgegen. Geflasht von meinem Traum entsteht eine Idee: Longboarden auf Kuba! Dem Winter entkommen. Dem Winter ein paar Wochen entfliehen, skaten, und gleichzeitig endlich Kuba entdecken.  Nach ersten Recherchen wird uns eins klar: Longboards und Skateboards gehören nicht zu Grundausstattung eines kommunistischen Staates. Mit anderen Worten: Skateequipment gibt es dort nicht. Nicht zu kaufen, nicht zu leihen. Keine Chance, selbst wenn die Kohle reicht, an ein Deck zu kommen. Und dennoch stoßen wir auf eine kleine, begabte Skate-Community. Mamerto, Roberto und Carlos. Ché und Reinaldo, Manolo und Raciel und viele mehr. Auf Youtube finden wir Videos, die Freunde in den USA hochladen. Sehen, wie die Jungs in verschlissenen Schuhen und auf abgefahrenen Rollen ihre Kick-Flips, Heel-Flips und Ollies stehn. Sehn, wie sie unter der karibischen Sonne das Beste aus dem rausholen, was ihnen mal Touristen da gelassen haben. Sehn echte Leidenschaft und Talent, Talent, Talent! Schnell steht fest: wir wollen da nicht nur hin, wir wollen da mitten rein!

Wir gründen Camino Libre Cuba und bringen in Nachtschichten unsere Idee immer weiter voran. Wir basteln Spendenboxen, erstellen nen Webauftritt, ne Facebook-Seite, quatschen mit Skateshops und Skate- und Longboardmarken aus Deutschland. Im Boneless und Boarders (Skateshops in München) platzieren wir Mitte November die Boxen und rufen über alle verfügbaren virtuellen Kanäle die Münchner Skater auf, ihr altes Equipment zu spenden. Decks, Rollen, Achsen, Schuhe. Egal was.

Der Stein kommt ins Rollen. Camino Libre läuft. Als wir kurz vor Weihnachten die Boxen abholen, haben wir echte Transportprobleme: über 30 Skatedecks, viele Rollen und Achsen, Sticker und Kugellager erwarten uns. Und zur Krönung spenden Wefunk, Barecknuckle und Olson&Hekmati jeweils noch 3 feinste Longboards! TSG gibt 2 Helme dazu. Und wir stehen vor 60 Kilo Stuff.

Und kurz nach Weihnachten geht’s los: Das Check-In Gepäck besteht nur aus Skate- und Longboards. Wir packen in unser Handgepäck alles, was wir halt für 3 Wochen brauchen, Helme auf und los geht’s! Havanna – wir kommen!

Text  

Isabel Gür | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

Fotos  

Isabel Gür | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

Zurück