Camino Libre - Teil 2

Eine Kolumne von Isabel Gür

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Bienvenido a Cuba – Die Ankunft!

4 Uhr morgens. Treffpunkt in Frankfurt, Dezemberwetter bestätigt uns in unserer verrückten Idee – weg hier! Visum kaufen, einchecken. Der Eisenvogel schluckt uns und die Decks. 11 Stunden später: Ankunft. Wir klettern aus dem Flugzeug. Die Hitze empfängt uns und kribbelt die Beine hoch. Wir laufen übers Rollfeld und die Jeans sitzt ne Nummer enger. Havanna. Kuba. Wo sind wir? Unsere Seelen hängen irgendwo überm Atlantik. Passkontrolle. Nada de declarar. Stempel. Bienvenido. In der Gepäckhalle fällt strahlend das orangene Licht unseres ersten kubanischen Sonnenuntergangs hinter uns durch die Fenster. Unser „Gepäck“, 40 Kilo Long- und Skateboards, Achsen, Rollen und Shirts, kommt an. Ungewiss und total übermüdet laufen wir in Richtung Zoll. In einer Snowboardtasche haben wir die Longboards verpackt, die in keine normale Reisetasche gepasst haben. Die Enden vorne und hinten mit Tape eingewickelt, so dass es aussieht wie ein riesen Knallbonbon, nur in schwarz. Uns ist schon klar, dass das beim Zoll mehr Aufmerksamkeit erwecken wird, als uns lieb ist. Da es aber „nur“ Holzbretter sind, glauben wir, dass wir sie bei Bedarf schon überzeugen können, dass das hier kein illegaler Import von verkaufsfähigen neuen Gütern ist. Aufpassen muss man in Kuba hauptsächlich bei Elektronikprodukten, Laptops, Handys, Kameras, etc. Etwas aufgeregt sind wir dennoch, wenn die uns jetzt alles abnehmen, ist das Projekt erst mal im A***. Wir schieben den vollen Wagen in Richtung Ausgang. Eine dicke Kubanerin mit schwarzen Locken stoppt uns. Zieht die obere Tasche, die wir so sorgfältig über unser Knallbonbon gelegt haben, beiseite. Zieht das Bonbon raus und schaut uns fragend an. Zwei hinreißende Mädchenlächeln strahlen sie an und versuchen ganz arg nach Pauschaltouristinnen auszusehen. Die linke Augenbraue des runden Gesichts verzieht sich in Richtung Haaransatz, der Kopf neigt sich etwas zur Seite. Nicken, weitergehen. Imaginärer High Five zwischen uns.

Ankunftshalle, überall Menschen. Wir laufen links rum und laufen direkt in die Arme eines Schildes: „Camino Libre“. Zwei Kubaner, Kamera. Übers Internet hat er von uns erfahren. Exilkubaner, lebt in Norwegen und dreht gerade einen von der norwegischen Regierung geförderten Film über Extremsport in Kuba. Wir holen euch ab in Havanna, war die Aussage. Und: Tatsächlich! Da sind die beiden! Herzliche Begrüßung. Draußen wartet ein Auto, älter als wir beide zusammen. Freitag Abend, die Banken haben zu. Also wieder rein in Flughafen, Geld abheben. Vor der Kasse: eine Schlange bleicher Condor Fluggäste, die vor ihrem All-Inclusive Resortaufenthalt auch noch CUC brauchen. Es gibt 2 Währungen in Kuba: den Peso Nacional (die lokale Währung) und den Peso Convertible (CUC, die Währung mit der Ausländer zahlen). Den erst besten kubanischen Flughafenangestellten (von denen gefühlt an jeder Ecke und auch dazwischen Grüppchen von 5 rumstehen und quatschen – Arbeit? Klar!) angequatscht. Er lotst uns an der Schlange vorbei, erzählt uns kurz aus seinem Leben, tauscht uns 130 CUC und auf geht’s. Ciao, ihr Bleichgesichter.

Rein ins Auto. Wir versinken im weichen uralten Ledersitz. Das Auto stottert, schluckt Benzin und schiebt sich rußend und knatternd Richtung Havanna. Vorne, die Jungs, die Kamera auf uns gerichtet. Wir versuchen zu atmen. Statt Sauerstoff gibt’s hier nur Ruß und Abgase, vorbei geht’s an der Placa de la Revolución, runter die Calle G, abbiegen in die Calle 21 und schon stehen wir vor Casa Mercedes. Unserer Casa Particular für die nächsten Tage. Hostels gibt’s in Kuba nicht, man wohnt in Privathäusern bei den Familien, die eine Lizenz zum vermieten an Touristen haben. So ist man auch gleich mittendrin. Mercedes staunt etwas, als uns 2 Kubaner mit Kamera begleiten. Sie erklärt uns alles. Uns fällt es schwer, überhaupt noch zu denken, reden... 4 Schlüssel für 4 Türen ins Glück: ein Bett. Ausgehen, Essen, Mojito trinken? Keine Chance. Wir liegen auf dem Bett, der Ventilator dreht sich laut. Irgendwie ist hier alles laut. Fenster? Total überbewertet. Wir träumen unsern Traum: Skaten am Malecón. Ein paar Stunden später kurz aufgewacht. 3:50 Uhr. Klasse. Na dann warten wir mal ab, was Kuba so für Abenteuer für uns bereit hält...

7:30 Uhr. Aufstehen. Den wenigen Schlaf aus den Augen reiben. Ach, Kuba. Wir sind in Kuba. In der Karibik. Ist noch nicht angekommen. Wir werden von Mercedes, unserer kubanischen Haus-Mama, mit einem grandiosen Frühstück umsorgt und einem Kaffee, der Tote weckt. Und: Fruta Bomba. (Papaya sollte man in Kuba nicht sagen, das erfahren wir aber erst ein paar Anekdoten später). Wir wissen es zu schätzen. Essen, und besonders vielfältig und gut, ist für Kubaner nicht selbstverständlich. Im Laufe der Tage werden wir noch einiges von den Skatern und anderen Locals lernen und uns mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Wir schrauben die Boards zusammen. Wefunk vom Feinsten! Die bleichen Mädls ziehen sich ihre deutschen Schoner über die weißen Knie, den TSG Helm auf und raus geht’s auf die Calle 21. Mercedes schaut uns lachend und kopfschüttelnd hinterher. Nicht, ohne uns vorher mit dem besten Weg zum Malecón und 1000 mütterlichen Ratschlägen ausgestattet zu haben.

Wir zittern. Beide. Grinsen über beide Ohren und rollen los. Kubanische Straßen. Runter zum Malecón. Alle schauen uns an. Und wir schauen alle an. Und alles. Die Autos knattern an uns vorbei, hupen und rußen uns ein. Jedes Haus ist anders, an den Fassaden bröckelt ein Bild Che’s oder „La Revolución para siempre“ ab. Ein Auge auf die Schlaglöcher, eines auf den Verkehr. Das Herz sieht den Rest. Am Malecón: Lachen, Erleichterung: Wir sind wirklich hier. Auf den bisher nur fremd gesehenen Bildern. Wir klettern auf die Brüstung des Malecón. Das Meer begrüßt uns mit rauschenden Wogen. Donnert gegen die Kaimauer und lacht mit uns um die Wette. Wir skaten los. 1m, links das Meer, rechts die lärmende Straße mit all den Oldtimern. Die ersten Polizisten pfeifen uns von der Mauer runter. Wir tragen ein Stück und klettern nach der nächsten Begrenzung wieder rauf. Immer weiter. Bis zu Havanna Vieja, dem alten Stadtzentrum. Schweißperlen gemischt mit Sonnencreme rinnen uns aus dem Helm über die roten Wangen. Das Herz klopft und lacht. Rein ins Abenteuer. Havanna Vieja. Ein Gewimmel aus Kutschen, Rikschas und hupenden Autos empfängt uns in den dreckigen engen Gassen. Für uns ist alles eine Attraktion. Wir sind sie für alle anderen.

Irgendwann fallen wir erschöpft in ein Restaurant. Volltreffer. Leckerer Fisch-Muschel-Hummereintopf mit Bohnen, Reis und Yuka steht vor uns und lädt zum essen ein. Der Kellner umtänzelt uns, erzählt Geschichten und fragt uns übers skaten aus. Als wir uns wieder raustrauen, schlägt uns die Hitze, der ewige Gestank der Stadt und das Gewimmel entgegen. Wir schultern die Decks und balancieren sie durch die Gassen. Weichen stinkenden Pfützen und Schlaglöchern zu Fuß aus. Irgendwann: so was wie ein Park neben dem Capitolio. Auf einer Bank im Schatten beobachten wir die Menschen und schnuppern Havanna-Luft. Auf einer Bank gegenüber eine dicke Frau und ein magerer Typ. Beide von der Sorte: schmuddelig. Ihr kleiner Knirps von vielleicht 1,5 Jahren pisst einfach direkt auf den Weg vor die Bank. Der Kleine freut sich. Als er uns sieht, kommt er in seinen schmutzigen Klamotten rübergewackelt und will aufs Board. Isabel nimmt in zwischen die Beine und dreht ein paar Runden. Dana filmt. Weg will er jetzt nicht mehr. Wir setzten ihn nach ein paar Runden wieder bei den Eltern ab, schnappen unsere Decks und überqueren den lärmenden Platz. Autos, Busse, Kutschen und alle Arten von Transportmitteln schieben sich irgendwie voran. Wir versuchen, nicht total unterzugehen. Dann endlich ne kleine Gasse, die scheinbar auch in die richtige Richtung führt. Erst noch unsicher merken wir schnell, wie das hier funktioniert.: Müll ausweichen, nach Löchern in der Straße schauen (und im Idealfall auch ausweichen), alten Männern, die vor ihren runtergekommenen Häusern sitzen zuwinken und bei den Querstraßen nach Möglichkeit so bremsen, dass man vor den Autos stehen bleibt. Plötzlich neben uns ein Haufen Kinder. Lachen, laufen uns nach, wollen ein Foto... Ach, Havanna.

Nach 4 Stunden skaten, verschwitzt, mit rotem Kopf und müde wieder auf der Calle G angekommen: die ersten Skater! Wir überqueren die Straße. Qué bola!? Und schon sind wir mitten drin. Skaten von einem Spot zum nächsten die Calle G entlang, die Gruppe wächst. Gesichter von Fotos bekannt nun en vivo und voller Worte. Ein leerer Brunnen mit Rondell und Marmorbank. Immer im Kreis, links rum, rechts rum, ausweichen, abspringen, ducken, fahren, grinden, sliden, boards tauschen, gemeinsam skaten, kennen lernen, bis die Sonne plötzlich unter geht. Sí, claro wir sehn uns später auf der Fiesta in Playa!

Lest im nächsten Teil der Kolummne: die erste Haus-Party bei den Skatern daheim, der erste Tag am Strand mit Skateboards und Surfbrettern, Gespräche über das Leben, Werte und Träume, die Kubaner und uns antreiben und die Bande enger schmieden.

Ihr wollt mehr über Camino Libre wissen? Schaut vorbei unter: https://www.facebook.com/CaminoLibreCuba.

Text  

Isabel Gür | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

Fotos  

Isabel Gür | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

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