Camino Libre - Teil 3

Eine Kolumne von Isabel Gür

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3: Aventura en Pelotas - Nacktes Abenteuer / Teil 4

Was bisher geschah: Die Dämmerung legt sich über unseren ersten Tag auf Havannas Straßen. Wir sind mitten drin in der feinen kleinen Skate-Community Kubas.

Loco, einer der Skater holt uns zur Grillparty ab. Wir springen in ein Carro, kaufen Rum und landen mit vielen der bereits bekannten Gesichter in einem Vorgarten im Stadteil Playa. Kroketten zweifelhaften Inhalts mischen sich mit zuckersüßem Legendario Rum und Bier, welches nach ewigen Runden Schnick Schnack Schnuck warm und wenig wird. Auf den ersten Blick eine normale Szene. Auf den zweiten Blick? Kuba pur! Es gibt kaum etwas zu essen, man hält sich an den Rum, der immer verfügbar ist. Betritt man das Haus, sieht man leere Zimmer. Im Bad: ein winziges Stückchen Seife, sonst nichts. Keine Cremes, keine Shampooflaschen. Nichts. Getrunken wird aus der Flasche oder den wenigen Gläsern. An jeder Ecke springt einen das Gegenteil von Überfluss an. Ché, der älteste Skater, weiht uns in das Leben Kubas ein. Wenn du keine Lizenz hast, kannst du nichts tun hier. Kein Geschäft eröffnen, kein Zimmer vermieten, niemanden im Auto mitnehmen, kein Tattoo-Studio führen. Und Lizenzen sind selten. Selbst die Frage, wie viel du auf deinem Land anbauen darfst, beantwortet man sich hier nicht selbst. Eine Lizenz des Staates bestimmt das. Und Lizenzen zum Skateboardimport oder Verkauf gibt es halt nicht. Woher alle ihre Tattoos dann haben? Er hat offiziell einen Kunstladen, tätowiert dort semi-legal.

Morgen Playas del Este, wir holen Euch ab heißt es. Ciao und Gute Nacht Jungs.

Mit verschiedenen Transportmitteln lotst uns Roberto geschickt erst durch das lebendige Havanna des 29. Dezembers 2013 und dann im klapprigen Bus zum Strand. Playas del Este – Mégano. Eine alte Zufahrtsstraße, am Ende ein zerfallenes Haus. Übrig nur das Betonskelett. Voller Grafitti. Flip Flops aus, Sand unter den Füßen, Wind im Haar, Salzluft in der Nase. Hinter uns Palmen. Einatmen. Urlaub. Wir chillen uns in die Dünen und springen ins Wasser. Wellen, Salz – herrlich. Fisch gibt’s vom kleinen Restaurant, wir sitzen im Sand und essen mit den Fingern. Plötzlich ein Schrei, wie er Tarzan alle Ehre gemacht hätte! Roberto schnappt sich das Fischmesser und rennt los in die Dünen. Am Horizont tauchen plötzlich Mamerto, Carlos und andere Skater auf, die Roberto schreiend und fluchend verfolgen. Verwirrung auf unserer Seite. Neugierig  beobachten wir die Szene.

In der Ferne am Strand dann: ein Knäuel aus Menschen, Sandwolken, Geschrei. Roberto rennt in den Atlantik! Verklebt vom Sand kommen die andern Jungs wieder an, Robertos Shorts in den Händen, Kratzer an den Armen. Er im Wasser, nackt! Am Boden vor Lachen verstehen auch wir endlich was los ist: Roberto hat die andern aus Havanna mit super Surf-Wellen zum Strand gelockt! Sanft rollen die 50 cm Wellen vor meine Füße! Zum paddeln und Spaß haben reicht es dann trotzdem noch! Die woll’n doch nur spielen! Komm schon raus, hier hast du ein Handtuch.

Auf dem Dach des eingefallenen Hauses werden noch ein paar Kick-Flips vor der untergehenden Sonne gestanden und auf den übriggebliebenen Wellen gesurft. Barfuß skaten wir den heißen Asphalt zurück zur Straße. Provisorische Bushaltestelle, sitzen auf Robertos Deck, grölende Argentinier im ruckelnden Bus Richtung Havanna. Ausstieg am Capitolio, verschwitzt mechanisch nach Hause skaten. Und ab ins Casa Balear. Mojito und Ron Collins zu Peso Cubano Preisen. Schnick Schnack Schnuck, schon wieder leer das Glas? Dann eben am „Parque de Amantes“ vorbei und unter Havannas junge Szene gemischt. Im Morgengrauen laufen wir nach Hause.

Für uns ist das ganze Abenteuer und willkommene Abwechslung. Alles ist anders auf Kuba. Je mehr man aber eintaucht, desto sichtbarer werden die Nöte und gnadenlosen Lücken. Wo wir in unseren Kulturkreisen gegen den Überfluss kämpfen und es „in“ ist, wenig besitzen zu wollen, kann hier eine verlorene Packung Streichhölzer schon mal bedeuten, dass man eine Woche lang keine weiteren bekommt. Wo wir uns aussuchen können, ob wir uns vegetarisch, laktosefrei oder Bio ernähren möchten, wird dort nicht nachgefragt, wenn es was zu essen gibt. Und wo bei uns ein gebrochenes Deck bedeutet, dass man sich ein neues besorgt, wartet man dort, bis wieder ein Tourist sein Skateboard verschenkt. Wer sind diese Jungs? Wie entwickelt man so eine Passion für einen Sport, den es de facto im eigenen Land nicht gibt? Was haben die Jungs für Träume?

Mamerto ist einer der wenigen Surfer Kubas. Wellen gibt es allerdings nur zur bestimmten Saison, also entdeckte er das Skateboarden durch einen Touristen. Das Gefühl der Freiheit, das er auf dem Wasser hat, konnte er jetzt auf die Straße verlegen. Schnell wurde er zu einer zentralen Figur für andere Jugendliche. Er bekam eines der ersten Longboards auf der Insel und cruised und slided seit dem alle Straßen und Hügel Havannas. Mehr als das: Mamerto will inspirieren. Will mehr Kindern das Skaten ermöglichen. Dank Cuba Skate, Camino Libre und anderen Organisationen gibt es momentan einige Decks. Mamerto hat in seiner Freizeit eine Skateschule gegründet und bringt so Havannas Nachwuchs auf die Bretter!
Auf unserer Facebookseite erfahrt ihr mehr über Camino Libre und die Jungs.

Stay Tuned: im 4. Teil der Kolumne lernen wir echte Longboard-Skills der Jungs kennen. Sie rollen mit uns einen ganzen Tag durch Havanna und zeigen die besten Spots und das billigste Local-Food! Und, lernt den zweiten der Gang besser kennen: Roberto!

Text  

Isabel Gür | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

Fotos  

Isabel Gür | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

Zurück