Camino Libre - Teil 4

Eine Kolumne von Isabel Gür

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4: Let's cruise! A patinar!

Was bisher geschah: Wir sind mitten drin in der feinen kleinen Skate-Community Kubas. Langsam erfahren wir von den Träumen, Hoffnungen und Werten der Skater. Und lernen, was echte Skills sind!

In unserer Casa Particular bei Mercedes stapeln sich noch immer Decks, Rollen, Achsen, Shirts... Zeit, die Schätze zu zeigen. „Anda! Que rico!!“ „Asere! Mira la tabla esa...“. Ausrufe der Bewunderung bei Mamerto und Kollegen! Na dann Jungs – lasst uns die guten Dinger mal auf Havannas Straßen bringen! Wir kombinieren die neuen Barecknuckle, Olson Hekmati und Wefunk Decks mit gebrauchten Rollen und Achsen, finden noch passende Schrauben an alten Skate-Decks und voilá: unsere Deluxe-Ausrüstung für Fünf Freunde und einen Tag auf den Straßen steht! Kamera auf die Helme und los geht’s durch die Metropole. Das bereits bekannte Hupen, Ausweichen und Schlaglöcherslalom begleitet uns auf unserem Weg zur „Loma“ in Nuevo Vedado. Loma bedeutet Steigung und wir kreuzen einmal die Stadt, um zu diesem Slide-Spot-Geheimtipp zu gelangen. Das Longboard erweist sich gefährliches aber ideales Fortbewegungsmittel. Wir passen so höllisch auf jedes Detail der Straße, der Menschen, Kutschen und Autos auf... zu Fuß oder im Auto wären uns sicher einige Momente verloren gegangen. Ein durchgeschwitztes Shirt später liegt vor uns in einer ruhigen Wohngegend die Loma – eine langsam abfallende dann steiler werdende Straße, gesäumt von vielen kleinen der typischen Kolonialhäuser Havannas. Alte Karren schmücken den Weg, hier und da ein Straßenhund der uns kläffend hinterherläuft, ein alter Mann, der an seinem noch älteren Auto hantiert, 30 Grad im Schatten - kubanische Romantik pur!

Na dann zeigt mal, was ihr drauf habt, Jungs! Die nächsten Stunden vergehen mit pushen, rollen, sliden! Handschuhe? Völlig überbewertet! Der Kubaner nimmt seine bloße Hand! Die falschen Rollen? Schnickschnack! Hier wird alles geslided. Ob hart, ob weich, langes oder kurzes Deck. Wir bleiben natürlich nicht allein, einige Nachbarsjungs haben uns entdeckt und fachsimpeln jetzt mit Roberto über das Barecknuckle-Deck. Carlos wagt einige unsichere Slides. Erzählt uns, dass er sich mal den Arm gebrochen hat und seit dem ängstlicher geworden ist. Nach Überredungskünsten nimmt er dann unsere Handschoner und den Helm und wagt sich endlich wieder mit ganzem Herzen den Berg runter! Das ewige rrrrrcht, rrrrrrrcht, rrrrrrrcht Mamertos 360-Grad Slideversuche hallt über die Loma. Irgendwann ein „Asere! Chulo!“ Er hat es geschafft! Respekt!

Schweiß auf der Stirn, wir sammeln uns immer wieder unter dem einzigen schattenspendenden Baum. Auch das Wasser ist bald leer, weit und breit keine Möglichkeit das zu ändern. Die letzten Slides, die letzten Applause. Diese Decks wurden in Würde eingeslidet! Wir trotten durstig die Loma ein letztes Mal nach oben, auf die Decks, ein paar Kurven und wir stehen inmitten eines kubanischen Imbisses. Auf der Karte? Pizza, Hotdog, Sandwiches, Arroz con frijoles – lecker! Aber kubanischer Alltag holt einen schnell wieder ein. Alles ist aus. Seit ner Woche gibt es nur Wrap, gefüllt mit Gemüse. Ist ja nicht so schlecht denken wir – bis wir das Essen bekommen! Ein schleimiger Teig gefüllt mit etwas, das bei uns unter Mixed Pickles läuft wird uns im Pappteller vor die Nase gestellt. Wir alle schauen uns an und beißen beherzt rein – hilft ja nix. Pappe mit Essig ist 5* Küche dagegen. Nicht mal die Jungs bringen das Zeug runter. Also noch ne Kubanische Coke und weiter geht’s. Der Weg ist noch lang. Entkräftet pushen wir die Calle 26 nach oben. 4-Spurig, heiß, voll mit rasenden Karren und Trucks. Irgendwie gelangen wir auf ne Seitenstraße! „Hier rüber!“ – „Stop“ – „Achtuuung – Truck von hinten!“ „Hijo de la gran Puta!“ – in dem Moment rauscht ein Truck von hinten an Mamerto, Dana und mir vorbei. Matrixartig lehnen wir uns nach hinten und spüren den heißen Luftdruck des riesigen Trucks an uns vorbeiziehen. Gracias – das Adrenalin in den Adern bringt uns heil nach Hause. In der Dämmerung rollen wir die letzte Strecke entspannt an Häusern, Kindern, Mülltonnen und Pappkartons die Calle 21 bis nach Hause. 

Am kleinen Kiosk der Calle 23 y G (eigentlich Avenida de los Presidentes) - „Dos botellas de agua por favor – 4 CUC – Gracias“ – holen wir Wasser. 4 CUC? Was bedeutet das eigentlich für Kubaner (Anm.: 1 CUC sind ca. 0,85 €, also fast 1:1)? Carlos erklärt: Der Wochenlohn liegt so bei 20 CUC. Dazu muss man beachten, dass Kubaner ja in Pesos bezahlen, der CUC ist die Touristenwährung. Kubaner gehen in andere Läden, andere Restaurants, etc. UND: können das Leitungswasser in Havanna trinken. Aber so gesehen: 5 Liter Wasser und weg ist der Wochenlohn!! Eine Ausnahme machen die Menschen, die im Tourismus arbeiten. Wie bereits beschrieben, gibt es Lizenzen, um Zimmer im eigenen Haus an Touristen zu vermieten. So genannte Casas Particulares. Dort zahlt man dann zwischen 20-100 CUC pro Nacht. 35 ist der Standard. Die Vermieter zahlen aber eine hohe Jahrespauschale an den Staat für die Lizenz. Unabhängig davon, ob sie dann wirklich Geld einnehmen oder nicht.

Platt hängen wir alle bei untergehender Sonne vor dem Haus auf den Treppen rum. Er hat diesen Traum, sagt Carlos plötzlich. Tengo ese sueño... Und da erzählt uns der 21 jährige, dass sein Traum ist, einmal von Ost nach West seine Insel zu durchskaten. Von Guantanamo im Osten bis Pinar del Rio im Westen. Weit über 1.200 Kilometer. Er. Mit dem Longboard. „Asere ... y ahora tengo la tabla“ und jetzt hat er ein Board, sagt er und hält sein neues Deck aus Deutschland auf dem Schoß.

Den Unterschied von CUC zu Peso erfahren wir Abends wieder mit den Locals in der Kneipe ums Eck unserer Casa. Ron Collins heißt das geile Zeug! Rum, Limette, Honig, Eis. Davon kann man viel trinken während man auf der Balustrade des Säulenbalkons im ersten Stock auf die Straße schaut, auf der zu später Stunde immer weniger Autos unterwegs sind. Es ist der 30. Dezember 2013. Morgen, mañana, werden alle Skater Havannas zusammenkommen und in einer Competition für den mitgebrachten Stuff antreten!

Auf unserer Facebookseite erfahrt ihr mehr über Camino Libre und die Jungs.

Stay Tuned: im 5. Teil der Kolumne geht’s richtig zur Sache. Die Skater batteln sich in 3 Kategorien um die besten Preise. Wie wir den Anfängern zu einem Deck verhelfen? Lest bald die Story zu unserem Silvestertag vor einem Jahr!

Text  

Isabel Gür | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

Fotos  

Isabel Gür | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

Zurück