Straßenansichten: Race-Etikette - Teil 1

Ein Kolumne von Gloria Kupsch und eine Erinnerung daran, dass Ambition nicht alles ist.

Stefan Kolpatzik und Simon Lang verhindern ohne Einsatz von Händen, dass Bretter oder Rollen sich berühren.

Aus Schaden wird man klug. Und arm.

Lange schon habe ich mich nicht mehr so schwer getan, einen Text zu verfassen. Ich häng‘ noch ein wenig schief da mit meiner Meinung: Darf ich jetzt eigentlich wütend sein? Ist das mein Recht oder sind das wahrscheinliche Konsequenzen eines Extremsports und ich hatte bisher nur Glück? Viele konnten schon auf Events aggressive Schimpftiraden oder dramatische Diskussionen beobachten. Doch wie genau verhält man sich fair und welche Regeln machen klar, was auf der Strecke nicht passieren sollte?

Vor dem ersten Rennen der Saison habe ich mir große Hoffnungen gemacht. Ich wollte die Produktpalette meines neuen Sponsors testen, wollte endlich wissen, was den Unterschied macht mit Freshies (Anm. d. R.: neue Rollen) zu meiner Verfügung. Ich wollte kein Rennen verpassen. Zugegeben, ich plante so viel wie möglich zu gewinnen. Dass ich kurz vor Ende der Saison arbeitsunfähig, bei einem Krankenhaus verschuldet und wöchentlichen Terminen bei Orthopäde und Krankengymnastik als neues Hobby meine Zeit verbringe, war dabei nie Teil des Plans. War ich zu naiv? Hätte ich erwarten müssen, dass dies zu den Wahrscheinlichkeiten gehört? Was hätte ich anders machen können? Was hätte mein Konkurrent anders machen können?

Ein Pick-Up kann eine angemessene Möglichkeit sein, nicht mit einem fahrerlosen Brett zu kollidieren.
Tina Zobel schneidet die Kurve innen an, während Annemiekje Nogwat ihren Abstand zu ihr hält.

Das Stauffen Downhill endete für mich schon in der Quali. Ich stürzte im vorletzten Run der Open Class wegen Speedwobbles. Ich überschlug mich und mein Hinterkopf landete ungebremst auf dem Asphalt. Der letzte aktive Gedanke war ein Zurückdenken an den vorangegangenen Abend, an dem ich mit Hilfe von Stephan Risch den Abend noch meine Helmpolster verbessert hatte.

Bis dahin war ich die erste Rechtskurve immer auf Grip gefahren. Aus den vorherigen Heats wusste ich, dass nur eine Handvoll Männer das machte - Racer die ich kannte. Ich tuckte auf die Kurve zu und bremste vorher nicht ab. Mein Nebenmann blieb auch unten. Wieso geht er nicht in die Airbrake? Ich wusste, dass er nicht so erfahren war, dass er direkt aus der Tuck heraus speedchecken würde. Ich musste in Millisekunden entscheiden. Dann ging mir auf, dass er nicht vor der Kurve sliden würde. Komm ich dran vorbei, wenn er stürzt? Wenn der rausrutscht, trifft mich sein Brett?

Für austarierte Entschlüsse ist selten Zeit, ich war sehr nah dran. Ich entschied mich und ging schnell hoch um mit dem Fuß zu bremsen. Zu schnell, die Kurve war schon da. Ich wobbelte, dann fiel ich.

Oliver Dehmel hält sich weit im Kurveninneren, sodass Lukas Geitel ihn nur aufwändig außen überholen könnte.
Dominik Weber ist beim Sliden zu weit nach außen gerutscht und wählt den Abgang über die Boardsteinkante. Alex Dehmel konzentriert sich darauf, das vielleicht zurückschnellende Brett zu umfahren.

Das nächste in meiner von Blitzen und verwässerten Geräuschen verschobenen Wahrnehmung, war eine hysterische Frau, die meinen Helm vom Kopf riss und schrie, es würde alles gut werden. Bald darauf traf Eimer (Anm. d. R.: Michael Eimer Mayer - Leiter der DLL) ein, vertrieb die Frau und organisierte einen Shuttle für mich. Er war es auch, der mich beruhigte und Stephan benachrichtigte, dass ich noch meine Versicherungskarte bräuchte, die Nico und Cori mir anschließend ins Krankenhaus brachten. Sämtliche Körperteile wurden geröntgt. Ich musste über Nacht bleiben, stündlich wurden mein Puls und meine Reflexe gecheckt. Die viel später auftretenden Komplikationen an meiner Halswirbelsäule erwartete ich nicht. Krankenhäuser röntgen den Atlaswirbel nur peripher, ich dachte ich wäre in Ordnung und wäre mit Kopfschmerzen davon gekommen.

Den Unfallhergang wrang ich in meinem Hirn immer und wieder aus. Schließlich war ich frustriert, wütend, auch traurig. Irgendwo wollte ich meine Wut über das verpatzte Rennen lassen können. Stattdessen denke ich, ist es vor allem wichtig Neueren in der Szene und während laufender Events klarzumachen, dass es nicht nur Regeln gibt, es gibt auch eine Etikette. Die Anzahl von Unfällen lässt sich nicht nullen, aber minimieren.

Die wirklich dicht bepackte Innenlinie einer Kurve, in der Dominik Weber versucht eine Lücke zu finden, während Alex Dehmel seine Linie verteidigt.
Dominik verschafft sich nicht aggressiv Platz, sondern bessert mit Hilfe des Slide Gloves die Linie nach, um nicht in Alex zu chrashen.

Wer vorne ist, hat Recht.

In der Theorie gehört dem Vorderen die Linie, hier kann man im Prinzip machen, was, wo und wie man möchte, solange die Rollen vor denen der Verfolger sind. ABER wer am Start wie irre lospusht, obwohl er die Strecke noch nie ohne Crash bewältigt hat, geht bewusst ein hohes Risiko ein, das die anderen drei Personen in seinem Heat einschließt. Um zu sehen, wo der Rest vor einer Kurve ist, um somit zu entscheiden, ob Carven jetzt vielleicht nicht so freundlich wäre, empfiehlt sich immer (!) der Blick nach hinten.

Dank diverser Zusammenstöße von Fußbremsern und Slidern in allen Variationen sagen einige gern an der Startlinie schon an, mit welcher Bremsvariante sie welche Kurve anfahren. Manche kündigen im Heat mit dem Finger auf den Fuß gerichtet eine Fußbremse an. Ja, das ist ein taktischer Nachteil, wenn man so will. Jedoch auch hier: In einer Quali, in der Platz 40 gerade ausgefahren wird, muss man meiner Meinung nach noch nicht die große Verbissenheit auf den Platz zerren.

Von hinten in den Vordermann zu crashen ist nicht nur unnötig, da man jederzeit bremsen kann, in einigen Rennen gibt es sogar eine „Protection Zone“ 300 Meter vor Ziel, wo Positionswechsel oder Überholen des Ersten nicht gewertet werden, da sonst Verzweiflungstäter kurz vor Ziel alles riskieren.

Als Faustregeln in Rennen bieten sich die zwei folgenden an: Wende an was du kannst und oftmals sicher praktiziert hast und überlege dir, ob es wert ist jemanden bewusst zu gefährden, damit du einen Platz in der Wertung aufrutschst.

Beispiele an Etikette sowie eine Erklärung zum Rennwerk der DLL und Auszüge der IDF findet ihr im zweiten Teil, der in den nächsten Tagen veröffentlicht wird.

Text  

Gloria Kupsch | gk@lbmagaz.in

Fotos  

Gordon Timpen | gordonphoto.org

Zurück