Straßenansichten: Race-Etikette - Teil 2

Ein Kolumne von Gloria Kupsch und eine Erinnerung daran, dass Ambition nicht alles ist.

Das Downhillskaten im Rennmodus ist durch viele Gründen eine spezielle Wettkampfdisziplin. Wenig unmotorisierte Sportarten sind so schnell und gleichzeitig so nah beieinander, es gibt keinen Schutzkäfig und auch hat man fern von Slides theoretisch die Hände zu seiner Verwendung frei. Was im Freeriden Manöver zum Festhalten, Schwung geben oder abstoßen und viele Möglichkeiten an lustigem Bullshit begründet, bedingt im Race Gefahren und viele Quellen der Unzufriedenheit (im besten Fall) oder Unklarheit, wer jetzt hier wen eigennützig gefährdet hat (in unguten Fällen). Oft unnötig und nie wünschenswert: Crashes oder Stürze fern von Strohballen.

Da die IGSA zumindest im Deutschen und größtenteils im Europäischen Raum an Bedeutung stark verloren hat (im Sinne einer Möglichkeit für die Rennserie notwendigen Punkte einzufahren) ist hier das Regelwerk der International Downhill Federation das maßgebende. Die DLL hat eine lockerer gefasste Haltung zu Verboten und Pflichten auf der Strecke. Die für die jeweilige Strecke und Veranstaltung geltenden Regeln und Sicherheitsbestimmungen werden jeweils im Riders Meeting erläutert. Unwissenheit durch mangelnde Anwesenheit schützt vor Konsequenzen nicht. Wer sich konträr verhält kann disqualifiziert werden. Aus Erfahrung kann ich hier nur den Tipp geben den Helmriemen wirklich sehr eng zu schnallen und auch nach der Zielline nicht mit locker aufgestülptem Helm zu cruisen – spezifische Mega-Don‘ts die in der DLL nicht akzeptiert werden. Ansonsten gilt: Es gibt kein fixes Reglement. Auf faires sportliches Verhalten wird großen Wert gelegt. Dies beginnt beim Start - ein Fahrer wird nach zweimalig verursachtem Fehlstart mindestens eine Boardlänge hinter die Startlinie versetzt.

Im Heat gilt: Die Linie gehört dem, der vorne ist. Klingt simpel, ist es aber oft nicht. Als Gewinner des Heats gilt, wessen Helm inklusive Kopf die Zielline als Erstes überquert.  Nach Berichterstattung von Teilnehmern und Streckenposten kann der Rennleiter über Verbote, Re-Runs oder Disqualifikationen entscheiden. Gegenübergestellt sei hier das immerhin 27seitige Regelwerk der IDF (jederzeit einzusehen unter der Homepage – unter „About IDF). Gerade jene, denen eine „Lieber stürze ich selbst, als dass ich jemanden gefährde“-Mentalität fern liegt, sollten sich dieses Regelwerk genauestens zu Gemüte führen, um zumindest innerhalb der gegebenen Richtlinien zu skaten. Viele derjenigen, die zu ihrem ersten Rennen fahren, haben keine Ahnung vom angebrachten Habitus und genau deshalb gilt es, sich zu informieren. Betrifft allerdings auch jeden, der sich unfair geschnitten/ rausgecrasht/ abgedrängt fühlt. Fast alle von uns waren schon einmal unzufrieden oder auch wütend über den Ausgang eines Heats. Hier wäre ein direktes Klären mit Involvierten das Optimum, passiert aber selten, , da man  ungern ein ruhiges Gespräch eingeht mit jemandem, der einen nach eigener aufgeputschter Meinung grade bewusst und mit Absicht in den Abgrund stoßen wollte. (Adrenalin und Wut in Kombination ergeben oft eine interessante Diskussionsgrundlage.) Frust rauszulassen über den vermeintlich Schuldigen bringt hierbei nur solange etwas, wie es Beteiligten persönlich mitgeteilt wird. Hinter dem Rücken über nicht vorhandene Fähigkeiten oder missachtete Regeln zu lästern, bringt die Szene nicht weiter. Ein Vorschlag von Olivier Gires (Eventorganisator Almabtrieb) ist, sich beim Rennleiter zu melden, selbst runter zu kommen und anschließend in Ruhe die Sachlage besprechen. Für den Rennleiter empfiehlt es sich beide Kontrahenten getrennt voneinander zu hören und eventuelle anwesende Streckenposten oder Zuschauer. Anschließend gilt es die Lösung des Konflikts zu verkünden.

Armeinsatz

In Situationen von absolut engem Körperkontakt ist es erlaubt und oft auch notwendig um einen Aufprall zu vermeiden – einen oder beide Arme als Abstandhalter einzusetzen. Den Unterschied vom fairen Sicherheitsgriff zum arschigen Schwungklauer macht hierbei der sogenannte „stiff arm“: Steifer Arm zur Abstandswahrung ist in Ordnung. Jemand anzuschubsen und ihm somit sanften Schwung abzugeben ist zwar erlaubt, renntaktisch aber doof für einen selbst. Anstoßer mit viel Schwung (also sich ausstreckender Arm) sind nicht nur hinterfotzig, auch gefährden sie den Vordermann, der dadurch die Kurve mit unerwartet Mehr an Geschwindigkeit vllt rausrutscht. Hier können „Betroffene“ Geschehenes der Rennleitung mitteilen, es folgt nach Entscheidung entweder Re-Run oder DQ. Ziehen und sich somit am vorderen Teilnehmer abzustoßen ist in jedem Fall verboten und führt bei Kenntnis  zur DQ. Um einen „Einspruch“ einzulegen muss der Teilnehmer sofort nach Beenden des Heats zur Rennleitung gehen und eine Schilderung der Komplikationen abgeben. Teilnehmer, die den Zielbereich sofort verlassen, verwirken somit ihr Recht auf Protest.

Draften

Also das im Windschatten des vorderen Skaters Beschleunigen oder „Ansaugen“. Sieht einfach aus, jedoch bedarf der taktische Einsatz ebenfalls Erfahrung. Der Vordere kann sich unerwartet früh (oder spät) aufrichten und/oder vor Kurvenbeginn carven, was als Erster sein Recht ist. Jedoch kommt es hier wieder auf ein Bewusstsein zum Rivalen in Nähe an.

Sandbagging

Meint das bewusste hinter dem ersten Skater bleibende, passive Verhalten um den besten Zeitpunkt zum Überholen abzuwarten. Wird besonders gern eingesetzt bei Strecken mit einem technischen Kurventeil auf den ein oder mehrere lange Abschnitte folgen, bei denen Gewicht und Tuck ausschlaggebender ist. Der Vodere kann also entweder versuchen so schnell und sauber zu fahren, dass er gar nicht erst gesandbaggt wird, oder aber am Start bieten sich amüsante Verfahren, bei denen alle gleichzeitig versuchen nicht an vorderster Position zu fahren. Taktik macht ein Rennen spannend.

Start

Falls vorhanden, gilt es die Startbox (auf den Aspahlt gezogenen Linien) erst nach Ende der „Push Lanes“ verlassen. Es gibt kein Limit wie weit, lang oder oft nach Start und auf der Rennstrecke gepusht werden darf. Falls sich ein Starter zwischen dem Kommando „Racers set“ und dem Startsignal bewegt, wird ein „False Start“ ausgerufen. Der auslösende Skater hat diesen dann gutgeschrieben. Zwei False Starts in einem Run können zu DQ führen.

Ziel

Ein Skater absolviert die Rennstrecke durch Überqueren der Zielline mit den vorderen Rollen. Buttboarder und Luger beenden den Run durch Überqueren der Ziellinie mit einem Körperteil oder Teil des Equipment. Um Sicherheit für Teilnehmer und Zuschauer zu gewährleisten müssen die Skater noch vor Ende des Zielbereichs (nach der Ziellinie) anhalten. Wer bewusst nicht anhält oder außerhalb des Zielbereichs slidet, kann disqualifiziert werden. Teilnehmer die einen Run nicht beenden werden kategoriziert als „Did Not Finish (DNF) und hinter den anderen drei Teilnehmern platziert. Disqulifizierte Teilnehmer (DSQ) werden hinter allen DNF platziert. Ungestartete Teilnehmer (DNS) werden hinter allen Disqualifizierten platziert. Dies inkludiert auch Teilnehmer die Quali, aber aus irgendeinem Grund nicht das Rennen gefahren sind. Teilnehmer, die für ein Rennen angemeldet sind aber an der Quali nicht teilnehmen, werden in den finalen Heats nichts platziert.

Text  

Gloria Kupsch | gk@lbmagaz.in

Fotos  

Jürgen Lüsgen | JL Photo

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