"Flüchtlingskinder skaten lassen"

Der Weg ist das Ziel. Diesen Spruch kennt jeder, doch nicht jeder nimmt sich dessen an. Wie man auf dem Weg zur Uni auf die Idee kommt, Kindern im “Flüchtlingslager” den tristen Alltag durchs Longboard fahren vergessen zu lassen, verriet uns Thomas Kühn.

Jette: Moin Thomas, schön, dass Du dir die Zeit genommen hast. Stell dich doch am Anfang erst einmal vor.

Thomas: Hallo hallo! Kein Problem! Ich heiße Thomas, bin 24 Jahre alt und studiere seit einiger Zeit Maschinenbau an der Technischen Universität in Hamburg Harburg. Ich boarde seit 4 oder 5 Jahren. Als Sport sehe ich das Longboarden jedoch erst seit 1 ½ Jahren. (So wie mir das Studium das zeitlich zulässt. :-))

J: Das Thema Flüchtlingshilfe ist zur Zeit ja in aller Munde. Wie bist Du auf die Idee gekommen “Flüchtlingskinder skaten lassen” zu organisieren?

T: Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass solche Aktionen schon bundesweit in anderen Städten stattgefunden haben. Beispiele dafür sind Berlin und München. In Hamburg gab es meines Wissens bis dahin noch nichts. Die Zentrale Erstaufnahme der Stadt Hamburg liegt auf meinem Heimweg und an meiner Universität steht ein sehr großes Lager (300-500 Personen). Infolge von etwas freier Zeit ist mir die Idee gekommen einen Skate-Tag für die Kinder zu organisieren.

J: Das ist sehr löblich. Wo genau in Hamburg findet das Skaten denn statt und wie sieht es mit der Unterstützung für dich aus? Alleine ist so etwas ja schwer zu schaffen.

T: Die eigentliche Idee war es, dass Ganze am Schwarzenberg stattfinden zu lassen. Diese Unterkunft verfügt über eine große Freifläche mit gutem Belag. Da die Behördenmitarbeiter schwer zu erreichen waren (fünfmaliges Anrufen) bin ich letztendlich an einem Freitag bei der ZEA am Harburger Bahnhof aufgekreuzt und habe mich interessehalber mit einem Mitarbeiter des Hamburger Spielemobils unterhalten (Anm.d.Red.: Soziale Einrichtung, die sich um Kinder und Jugendliche in Hamburger Wohnunterkünften kümmert). Von einem weiteren Sozialarbeiter erhielt ich eine Führung durch die ZEA. Der Konsens der Sozialarbeiter lautete zu dem Zeitpunkt: “Kommt einfach vorbei, die Kinder kommen von selbst auf Euch zu”.

Die Organisation selbst, mit Verlaub, ist gar nicht so weltbewegend gewesen. Durch die gute Szenenkommunikation in Hamburg und einen großen Kreis an Boardern, die man auch persönlich kennt, hatte man zumindestens keinen Mangel an potentiellen Mitstreitern. Letztendlich ging es nur darum Leute zusammen zu trommeln. So was läuft sehr gut über Whatsapp und Facebook.

J: Stark, dass du trotz anfänglicher Kommunikationssprobleme mit der ZEA am Ball geblieben bist. Wie sah der Zuspruch beim ersten gemeinsamen Skaten aus und wie oft wart ihr schon vor Ort?

T: Der Zuspruch war super! Trotz fortschreitenden Novembers konnte das Ganze schon dreimal, sehr spontan, in die Wege geleitet werden. Beim ersten Termin waren schon einige Leute da. Bei den nachfolgenden Terminen war dann sogar ein Überangebot an Brettern vorhanden. Das Ganze hätte jedoch noch wesentlich größer sein können. Jedoch fluktuiert die Anzahl an Kindern stark durch das Weiterverteilen der Familien auf andere Standorte. Oftmals bleiben die Familien nur 1 bis 2 Wochen.

J: Wie kann man sich einen solchen Tag mit den Kindern vorstellen, gibt es einen Ablauf? Eine der großen Fragen die sich stellen: Wie klappt das Ganze mit der Sprachbarriere?

T: Das waren Sachen, über die ich mir anfangs auch nicht ganz im Klaren war. Es sei mal dazu gesagt, dass hier in Harburg aktuell ein sehr großes Hilfsangebot, durch unterschiedlichste Menschen, besteht. Sogar freiwillige Dolmetscher sind unterwegs, um z.B Harburg zu zeigen oder bei alltäglichen Problemstellungen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Das war zwar eine Option, aber die Gespräche mit Sozialarbeitern und das Kennenlernen der Umstände in der ZEA zeigten eigentlich, dass gerade die Kinder sich diese Fragen nicht stellen. Die Kinder brabbeln einfach drauf los und der Rest wird mit Händen und Füßen kommuniziert. So lief das dann auch ab :-D Man hat sich auf sein Brett gestellt, mit dem Finger drauf gezeigt und das Brett zum Kind rübergerollt. Ab da läuft dann alles über Gestik und Mimik.

J: Ein wunderbares Beispiel wie der Rollsport verbindet. Du sagtest ja schon, dass ein Überangebot an Stuff bestand, habt ihr eure eigenen Bretter gestellt oder musstet ihr da noch etwas organisieren?

T: Da Longboarder oft einen gewissen Materialfetischismus an den Tag legen, hatten mehrere Leute gleich mehrere Bretter dabei. Es waren größtenteils unsere eigenen. Beim zweitem Termin gab es sogar ein Sponsoring vom Mantis Longboardshop. Die Veranstaltung lebt, besonders im Hinblick auf Materialfragen, von den Teilnehmern.

J: Das bringt mich gleich zu der Frage, wie man auf euch zukommen kann um tatkräftig zu unterstützen?

T: Die Frage kann wohl auch gleichzeitig als Tipp für Nachahmer verstanden werden: Facebook. Durch Veranstaltungen oder Gruppen kann sowas im großen Stile den Leuten zugänglich gemacht werden, ohne einen gewissen Zugzwang zu schaffen. Leute einladen! Alle, die sich darüber hinaus miteinander vernetzen, können sich dann ja z.B. wieder über Whatsapp  und Co. organisieren. Gerade diese Zugzwang-Argumentation war auch ausschlaggebend für die Idee. Hier kann das Hobby mit etwas netter Freizeitgestaltung für Flüchtlingskinder verbunden werden. Entweder man kommt, oder halt nicht. Und wenn man Angst vor der Sprachbarriere hat, hat man immer noch ein Board gestellt. Die Kinder wissen sich schon zu beschäftigen.

J: Der Frühling steht für Skateoptimisten vor der Tür, wie sieht es in der Zukunft mit weiteren Veranstaltungen aus?

T: Im Frühjahr sollen weitere Aktionen,noch besser geplant, wiederholt werden. Die Veranstaltungseinladungen werden im Frühjahr sicherlich im BeastyBoard und auf anderen Plattformen auftauchen.

J: Dass es zukünftige Aktivitäten geben wird, spricht für eure tolle Arbeit und ein großartiges Engagement. Ich bedanke mich bei dir, für das nette Gespräch und wünsche Euch weiterhin viel Spaß mit den Kids!

T: Danke! Hier auch ein Dankeschön an all diejenigen die sich die Zeit genommen haben, teilzunehmen. Und ein Danke an die Leute, die diese Ideen zuvor in anderen Städten umgesetzt haben.

Text  

Jette Schönefeld | Kontakt via redaktion@lbmagaz.in

Fotos  

Arne R.
Paul R.

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