Hinter'm Visier: Sebastian Hertler

Manche nennen ihn „the Shark“, andere den „Bundesgnardler“. Oft wird er gesichtet wie er tief in der Tuck die Ziellinie überquert, den Rest des Heats hinter sich lassend, meist mit ein paar Metern Abstand zum zweiten Racer. Auch international kann er mithalten und beeindruckt mit seiner Zielstrebigkeit, Konzentration und Technik die Konkurrenz aus Übersee. In der IDF-Rangliste für Open Skateboard 2014 belegt er Platz 5. Die Rede ist von Sebastian Hertler, dem Deutschen Downhill Meister 2012 - 2013 - 2014.

langbrettMAGAZIN: Servus Sebastian, schön, dass Du Zeit für uns hast. Erzähl uns doch erstmal kurz, wer der Mensch unter dem grauen Aerohelm ist.

Sebastian Hertler: Sebastian Hertler, geboren 1986 im beschaulichen Stuttgart und bin vom Beruf Landschaftsgärtner.

Stuttgart hat sicherlich nicht die schlechtesten Homespots. Das heißt Du hast das Handwerk am Killesberg und am Bismarckturm gelernt?

Ja der Killesberg ist in unserem Kessel quasi der Einstieg, die Legenden Bassi Haller, Eugen Forschner (Betreiber des Skateshops “Kollektiv”) und viele andere wie auch Adi haben mich ins Down711-Team aufgenommen. Die Jungs haben mich dann auch über die Stadtkuppe hinaus auf viele tolle Gassen mitgenommen. Den Turm, unser internes Sahnestückchen, sind wir zu der Zeit nicht gefahren… der kam erst ein paar Jahre später. Ich find's auch völlig verrückt, dass wir auch erst nach Jahren das Sliden gelernt haben, erst dadurch waren Straßen wie der Turm fahrbar...

Und wenn Du nicht am Arbeiten bist, verheizt Du die Konkurrenz? 2014 war ein recht erfolgreiches Jahr für Dich oder wie siehst Du das?

Haha! Ja, 2014 war schon cool… ;) Ich bin völlig unvoreingenommen nach Übersee gereist und war selbst überrascht, dass ich da mithalten kann. Ich denke es hat so gut geklappt, weil ich mir - einfach gesagt - nicht viel dabei gedacht habe und mich einfach auf meine Schüssel gestellt habe. Bin beim Pike’s Peak (WorldCup) 10., beim Angie’s Curves (WC) 5., beim Festival de Bajada (WC) 5., in Tarma (WC Qualifier) 5., in Lima (WC) 6., beim Megaspace (WC) 6. und beim Hot Heels (WC) 5. geworden und hab den Namen Consi King bekommen! (Anm. d. Red.: Die consolation ist das kleine Finale um die Plätze 5 bis 8)

Herzlichen Glückwunsch dazu nochmal. Es war sehr spannend, dies mit zu verfolgen. In Deutschland hast Du 4 von 6 Events gewonnen, bei einem wurdest Du zweitbester Deutscher und das letzte hast Du sausen lassen. Ist die Konkurrenz zu schwach, oder wo liegt dein Geheimnis?

Naja, Kopf runter und Vollgas... ; )

Sehr sympathisch :D Bist Du auch abseits vom Downhill auf vier Rollen unterwegs?

Ich probiere sehr viel auf dem Rollbrett aus. Jetzt im Winter fahre ich viel am Rampe und Bowl oder Slalom um Pylonen in Parkhäusern. Sobald der Frühling oder Herbst beginnt, findet man mich bei gutem Wind auch mit meinem Segel auf Parkplätzen oder anderen Freiflächen am Windskaten! Aber in den Bergen schlägt mein Herz schon am Stärksten.

Und wenn Du nicht skatest?

Die meiste Zeit verbringe ich beim Arbeiten, wenn dann noch Zeit übrig bleibt treffe ich mich mit meinen Freunden mit denen ich dann wieder auf dem Brett stehe oder darüber rede. Oder ich drehe in meinem Wohnzimmer bissle an den Plattentellern.

Im SteezeHouse? Wie muss man sich das Leben dort vorstellen?

Vor 3 Jahren als wir das Haus mit Matthias Ebel, Jakob Raab und Leon Ritter gegründet haben, war es im Gegensatz zu heute echt wild. Die Jungs sind alle ausgezogen und ich wohne nun mit jüngeren Studenten zusammen, die sich immer wieder in der Bowl im Garten versuchen.

Wann und wie hat der Rollsport für Dich angefangen?

Ende der 90er bin ich viel mit meinem Freund Snowboard gefahren und nie Skateboard, da diese immer laut waren und nicht wirklich ordentlich rollen wollten. Da haben wir uns anfangs Rollschuhachsen und weiche Rollen unter alte Snowboards geschraubt. Da diese Bretter zu flexig waren haben wir diese gegen Bauholzbretter getauscht. Ich hab dann zwischendurch eine Pause eingelegt, um mich meiner Berufsausbildung zu widmen, und etwa 2004 meine Liebe zum Skateboarden neu entdeckt.

In der Zwischenzeit hat sich doch sicherlich einiges verändert?

Puh, massiv! Heute bastelt sich fast keiner mehr irgendetwas, wie zum Beispiel Handschuhe oder repariert zum zwanzigsten Mal seine Knieschoner. Ja, Bretter gab es damals von Sector 9, aber die waren für mich unbekannt und unerreichbar.

Bei manchen bist Du auch als “the Shark” bekannt, wie kommst Du zu diesem Spitznamen?

Damit hat Stephan Risch (Anm. d. Red.: Der Mann hinter Risch Aerohelmets) angefangen! Als ich meine neue Lederkombi bekam, war sie so silbern, dass ich mich bei der ersten Anprobe wie eine Diskokugel gefühlt habe. Ich habe sie also umgefärbt, wobei allerdings nicht ganz das herausgekommen ist, was ich eigentlich wollte. Aber ich fühle mich nicht mehr wie Disco Stu, wenn ich skate… In grau mit Aerohelm sehe ich wohl aus wie ein Hai.

Seit letztem Jahr bist Du ja für Root Longboards unterwegs, 2015 wird man dein Pro-Model kaufen können. Erzähl uns mal ein bisschen was über das Brett und welche Ideen und Wünsche von Dir eingeflossen sind.

Wer meine alten Bretter kennt, kennt auch dieses. Bis auf die Grafik ist es meine Schüssel, da ist jetzt auch ein Hai drauf, haha. Es wird in zwei Versionen auf dem Markt kommen, quasi in klein und in groß. Eine bissl kürzere und schmalere Version komplett aus Holz, wo der Axel immer Gänsehaut bekommt, weil die Mulde so scharf ist, dass das Holz beim Laminieren knackt. Die lange Version hat meine persönlichen Lieblingsmaße mit allem anderen Schnickschnack wie Schaumkern, Carbon usw. Ich habe Schuhgröße 46, da sind viele Bretter zu klein.

Und wieso fährst du Carbon-Bretter? Viele schwören ja inzwischen wieder auf die dämpfenderen Eigenschaften von Holzkernen?

Ich mag extrem leichte Bretter, die lassen sich leichter anschieben und irgendwie find ich’s richtig gut, dass auch bei uns im Rennsport edle Materialien wie Carbon verwendet werden.

Auch bei den Rollen hast Du von Cult ein Pro-Model spendiert bekommen. Welche Idee steckt hinter den Teilen? Sie sehen relativ breit aus?

Nach sehr langem Warten haben wir endlich wieder mächtige Rennräder, die einfach nur brutal sind.  Legt man eine Tractionbeam neben eine Rapture sieht man direkt, wo die Zukunft hin geht. Aber was nicht stimmt, ist, dass es meine Pro-Rolle ist! Ich habe immer noch die Hurtler die mir zum Freeriden sehr gefällt! Aber vielleicht ändert sich das ja irgendwann.

Very interesting. Ohne Sponsorenbrille: Welches Setup würdest Du Dir aus einem Shop mitnehmen, wenn Du dringend ein Board brauchst?

Ich würde mich am ehesten auf Dillon Stephen's Landyachtz Pro-Model stellen, exakt so, wie er es fährt. Wär' ganz cool, da wir sehr ähnliche Bretter fahren, auch was die Achseinstellung und Rollen angeht. Da es dieses aber leider auf dem konventionellen Markt nicht gibt, würde ich das Pro-Model von Dominik Kowalski (Icone) oder James Kelly (Arbor), die beide sehr ähnlich sind, in Betracht ziehen.

Welche Frage würdest Du Dir selbst noch stellen?

Hmm… Manchmal frage ich mich das selber, wenn ich in den Spiegel schaue… :)

Und?

Haha, des will keiner hören!

Hahaha, alles klar! Vielen Dank für Deine Zeit, es war sehr aufschlussreich und interessant. Wir wünschen Dir eine erfolgreiche und verletzungsfreie Saison 2015! Möchtest Du noch etwas loswerden?

Ich danke Euch fürs Lesen und meinen Sponsoren SkateDeluxe, Root Longboards, G.O.G, Cult Wheels und Risch Aerohelmets für den Support, auf dass ich so viel Skaten kann. Euch allen auf den Straßen wünsche ich viel Spaß und skatet SAFE!!!

Text  

Friedrich Dungern | fd@lbmagaz.in

Fotos  

Gordon Timpen | Gordon Photo

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